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Impressionen aus dem RAP FUER COURAGE Auftritt anlässlich des Jugendfestes 1999

Mit dem Alter kommen die Hemmungen


Spreitenbach: In einem Workshop lernen Jugendliche, dass «Rappen» schwieriger ist als gedacht. Auf Initiative der Jugendarbeit führt die deutsche HipHop-Band «Sons of Gastarbeita» im Rahmen des Jugendfestes Oberstufenschüler ins Thema «Rap» ein.
Die Jüngeren zeigen dabei einiges weniger Hemmungen. Zitrone ist begeistert: «Erste Sahne», der Einsatz der Spreitenbacher Oberstufenschüler. «Die sind alle unheimlich fleissig.» Und erst die Organisation, normalerweise «tierisch anstrengend». In Spreitenbach jedoch kein Problem, wie er nicht müde wird zu betonen. Überhaupt sei hier alles «sehr friedlich und angenehm» und die Stimmung «nicht so gereizt», wie es zuweilen der Fall sei.
S Pelli isch wiitbekannt, aber nöd extravagant. Am Abig lauft viel, es isch nie still.
Das Mitglied der deutschen HipHop- Band «Sons of Gastarbeita», weiss Moritz «Zitrone» Schuster, wovon er spricht. Seit nunmehr fünf Jahren leiten die «fünf Jungs aus Deutschland» Workshops zum Thema «Rap», neben der Arbeit an der eigenen Musikkarriere wohlgemerkt. «Nach den Anschlägen auf die Asylheime in Deutschland wollten wir auf kreative Art und Weise etwas gegen diese aufkeimende Fremdenfeindlichkeit unternehmen.» Aus diesem Gefühl des Man-muss-etwas- Tun entstand schliesslich die Idee der Workshops. «Die Jungs und Mädels, die da mitmachen, sind die neue Generation. Bei ihnen kann man ansetzen und versuchen, neue Sensibilitäten zu schaffen.»

De Widu, de Geri und de Ergün gönd zäme durch dick und dünn. Mit de Sons simmer am Räppä, wie doofi Deppä.


Ihr Grundkonzept ist dabei höchst einfach. Während fünf Tagen vermitteln sie den teilnehmenden Jugendlichen Hintergrundwissen und Grundlagen des Rap und animieren die Kids dazu, ihren eigenen Song zu verfassen, aufzunehmen und schliesslich aufzuführen
. Die «Sons of Gastarbeita» beziehen sich dabei explizit auf die Wurzeln des HipHop, der in den 60er in den New Yorkern Gettos als Gegenpol zur aufkeimenden Gewalt entstand.
«Heute ist das zwar alles nicht mehr wirklich erkennbar, doch eigentlich war HipHop anfänglich eine sehr tolerante Bewegung. Diese Grundhaltung wollen wir vermitteln.» Dass in ihren Workshops deshalb Themen wie Sexismus und Fremdenfeindlichkeit zur Sprache kommen, liegt auf der Hand. «Die Kids sollen das ausdrücken, was sie wirklich bewegt», führt Zitrone weiter aus. Die «Sons of Gastarbeita» liefern lediglich den Sound und der Organisator in diesem Fall Widu Fried von der Jugendarbeit Spreitenbach Infrastruktur und Bühne.
Der Text bleibt Sache der Jugendlichen. Und wenn einer einen rassistischen oder sexistischen Text schreibt? «Zensuriert wird nichts», meint Zitrone nachdenklich. In einem solchen Fall müsse man mit dem Jugendlichen reden und ihn vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Nicht Konfrontation, sondern Argumentation sei schliesslich der Zweck der Übung.

Im Pelli tüemmer schaffe wie gstörti Affe.
Wemmers nüm
me tüend raffe, gönd mer eis go paffe.

Gleiches betont auch Jugendarbeiter Widu Fried, der mit Hilfe von Schulpflege und Lehrerschaft die «Sons of Gastarbeita» nach Spreitenbach einlud. «Wie die Gruppe die Jugendlichen ans Texten heranführen, ist echt genial.» Die Kids seien mit vollem Einsatz dabei und würden seiner Meinung nach enorm viel lernen. «Man merkt, dass ihre Lehrer das nicht zum ersten Mal machen. Sie sind sehr professionell und gehen gut auf die Jugendlichen ein.»

Kennengelernt hat er die Gruppe letzten Herbst in Winterthur anlässlich einer Veranstaltung für Jugendarbeiter und beschloss spontan, sie fürs Jugendfest zu verpflichten. Mit einem Beitrag aus dem Kulturpreis der dieses Jahr fürs Jugendfest gesprochen wurde und der Unterstützung durchs Hotel Arte, das die Unterkünfte gratis zur Verfügung stellte, wurde das Projekt an die Hand genommen. Mit einem Wettbewerb wurden die Jugendlichen erstmals auf den Workshop aufmerksam gemacht. «Das anfängliche Echo war zwar nicht gerade berauschend, doch nachdem ich mich nochmals persönlich darum bemüht habe, hatten wir die notwendigen Anmeldungen.» Schliesslich konnten sieben Gruppen a je rund 5 Jugendliche gebildet werden, was laut Zitrone mehr als genug ist. «Wenn es mehr sind, leidet unsere Arbeit.»

Denn gömmer wider ie, denn d' Sons müend bald wiiterzie
Ganzer Rap: Marion

Und wer kann es am besten? «Naja, den Kurzen fällt das schon einfacher», schmunzelt Zitrone. «Die lernen umheimlich schnell, viel schneller als die Älteren.« Die 15jährige Marion bestätigt: «Die haben viel weniger Hemmungen als wir.» Doch ganz so einfach sei es schliesslich auch nicht. Und dann ist da ja noch der Auftritt heute abend in der Boostockhalle. Bammel? «Schon ein bisschen, doch bis dann sollte hoffentlich alles sitzen», meint Marion. Zitrone lacht nur. «Von null auf hundert in fünf Tagen ist sicher kein Zuckerlecken. Doch die kriegen das schon auf die Reihe.» Sprichts und zählt zum x-ten Mal den gleichen Song an.
(Text: Serge Gnos, Aargauer Zeitung)